Der falsche Julio


Este reportaje apareció en "WB extra" Nº 13-2005, Visp, Suiza

 

Bietet an der Schweizerschule in Lima seit über 30 Jahren seine Waren feil:
Julio - der Mann für alle Fälle

Wer einen Schritt in die Schweizerschule in Lima macht, lernt ihn kennen: Julio, den Glacéverkäufer. Er gehört sozusagen zum Inventar. Immer hat er Zeit für einen Schwatz, ist Aufmunterer, Beichtvater, Zuhörer und einfach ein lieber Freund. Julio ist stolz, sich den Lesern in der Schweiz vorstellen zu dürfen.         

Guten Tag! Ich bin 78 Jahre alt und arbeite seit 1971 am Colegio Pestalozzi. Ich verkaufe Süssigkeiten, Getränke und Eis. In Lima gibt es Tausende von Verkäufern wie mich. Sie fahren mit ihrem farbigen Dreirad durch die Strassen der Stadt, immer auf der Suche nach Kundschaft. Mit einer Art Trompete versuchen sie die Leute auf sich aufmerksam zu machen. Da habe ich es einfacher: Seit 34 Jahren bin ich mit der Schweizerkolonie in Lima verbunden und habe einen Standplatz an der Schule, den mir niemand streitig macht. Ich bin froh, dass ich mich in meinem Alter nicht mehr mit Konkurrenten um jeden noch so kleinen Verkauf balgen muss.

Alles im Blickfeld

Morgens um 04.00 Uhr stehe ich auf und fahre ins Verteilerzentrum. Da kaufe ich die Leckereien ein, auf die meine vorwiegend jungen Kunden stehen. Gegen 08.00 Uhr bin ich in der Schule. In den Pausen herrscht Hochbetrieb, doch ich behalte stets den Überblick. Na ja, fast immer... Bei einigen Kunden weiss ich genau, was sie wann kaufen kommen. Dem Direktor, Herrn Steiner, ist z.B. sein Mittags-Schokokuss heilig. Meine Artikel kosten zwischen 5 Rappen und 1.30 Franken. Ich verdiene etwas weniger als die Strassenverkäufer. Meine Preise sind nämlich niedriger als die auf der Strasse. Aber es ist schon recht so. Wahrscheinlich wurde ich nicht dazu geboren, Millionär zu werden. Einige Kunden lassen anschreiben und bezahlen wöchentlich. Allerdings nur, wenn die Eltern mit diesem Vorgehen einverstanden sind. Wenn der Rummel vorbei ist, muss ich folglich Buch führen über die einzelnen Käufe. Die meisten Schüler bezahlen aber sofort.

Auf Julios Dreirad findet sich
alles, was das Herz begehrt.

Gestohlen wird heute zum Glück nie. Vor ein paar Jahren war das anders: Damals musste ich meine Artikel einschliessen, wenn ich wegging. Aber nachdem ich die Diebe auf frischer Tat ertappt hatte, ging ich mit ihnen einen Handel ein: Ich informierte die Direktion nicht, dafür versprachen die Übeltäter, nie mehr etwas zu stibitzen. Die Geschichte verbreitete sich rasch unter der Schülerschaft und wirkt immer noch.

In den Schulferien und an den Wochenenden bin ich in meiner Hütte im Schweizerklub, gleich neben dem Pestalozzi. Das sind meine mageren Wochen, denn viele Leute verlassen in den Sommermonaten die Stadt und ich bin allein im Klub. Trotzdem - ich weiss es sehr zu schätzen, dass ich meine Artikel auch im Klub verkaufen kann. Manchmal würde ich lieber zu Hause bleiben, weil die Einnahmen die Ausgaben für meinen Arbeitsweg und das Essen nicht decken. Aber wenn ich das täte, dann dächten die Leute: «Der ]ulio hat genug Geld» - und würden vielleicht nicht mehr bei mir kaufen. Also gehe ich täglich in den Klub, lese meine Zeitung, verbessere in Gedanken die Welt.

An den Wochenenden verkauft
Julio seine Waren in seiner «Hütte» im Schweizerklub.

«Ich nannte alle Julia»

Eigentlich heisse ich Leoncio Rojas. Aber niemand ausser meiner Familie nennt mich so. Für die andern bin ich ]ulio. Diesen Namen erhielt ich zu Beginn meiner Schweizer Karriere: Da die Gringitos für mich alle gleich aussahen, nannte ich die Mädchen der Einfachheit halber alle «Julia», die Jungen «Julio». Doch bereits am nächsten Tag holte mich meine Kreation ein und ich war fortan Julio. Damals hatte ich mein Wägelchen vor dem Klub auf der Strasse aufgestellt. Auf Initiative der Eltern durfte ich aber bald auf das Klubgelände. Das war für die Kinder sicherer und für mich angenehmer. Vor etwa 20 Jahren wurde mir mein Dreirad auf dem Heimweg gestohlen. Ein solches kostet viel Geld! Wie froh war ich damals über meine Schweizer Freunde: In der Schule und im Klub wurde Geld gesammelt und ich bekam ein funkelnagelneues Dreirad geschenkt. Das habe ich heute noch. Ich habe Tausende von Schülern und Hunderte von Lehrern erlebt. Einige von ihnen schreiben mir heute noch Ansichtskarten aus aller Herren Länder. So Gott will kann ich mir meinen Lebensunterhalt noch ein paar Jährchen am Pestalozzi verdienen.

 
Otto Imsand


 
   
©2008 - Asociación Colegio Pestalozzi
Ricardo Palma 1450 - Miraflores - Lima - Perú    -    colsuizo@pestalozzi.edu.pe
Teléfono 0051 - 1 - 617 8600    -    Fax  0051 - 1 - 617 8601